Am 30.04.2024 war es soweit, mein letzter Arbeitstag nach 36 Jahren im Konzern der Telekom bzw. zu Beginn noch bei der Deutsche Bundespost ging zu Ende.
Ich gehörte zu den letzten Jahrgängen an Mitarbeitern, die noch verbeamtet wurden und deshalb auch schon mit noch nicht ganz 57 in den Ruhestand gehen konnten. Wenn ich jetzt noch entweder 1 Jahr im Bundesfreiwilligendienst absolvierte oder 1000 Stunden selbst organisiert in gemeinnützigen Organisationen ableistete durfte ich sogar meine bisher erworbene Pension in voller Höhe behalten. Das war mir Motivation genug, mich schon im Vorfeld darum zu kümmern.
Meine erste Bewerbung für den Bundesfreiwilligendienst bei der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld e.V. in Bielefeld (meine Partnerin wohnt da ganz in der Nähe) wurde glatt abgelehnt, zu alt… 😊
Selbst mein Angebot über die 1000 Stunden kam dort nicht an, nun gut.
Dann fiel mir als Bad Salzufler die Heerser Mühle ein, und siehe da, ein erstes persönliches Gespräch mit Uli Kaminsky, dem Geschäftsführer des Umweltzentrums, verlief gleich sehr positiv. Er war durchaus überrascht über meine Anfrage, bis zu 1000 Stunden ehrenamtlich ableisten zu wollen, das hatte er noch nicht erlebt. Und da ja Arbeitskräfte auf dem riesigen Gelände immer gebraucht werden wurden wir uns recht schnell einig, dass ich ab Anfang Mai mit zur Schüppe, Harke, Heckenschere und was auch immer greifen würde…
Und dann kam der erste Tag Anfang Mai. Es war richtig sommerlich, 27 oder 28 Grad im Schatten und es ging mit dem Setzen einer Trockenmauer im Schulgarten los. Wir waren zu dritt, 2 junge Männer als FÖJ`ler und ich, und keiner von uns hatte eine echte Ahnung davon. Andreas Beerens gab uns eine Einweisung, und dann hieß es learning by doing in Reinkultur. Wir gaben unser bestes und der Schweiß floss in Strömen. Noch ein paar Tage zuvor saß ich mit Headset am Computer, hetzte von einer Telefonkonferenz zur nächsten und war mit diversen Projekten beschäftigt. Jetzt tat mir der Rücken weh und ich hatte ordentlich Muskelkater im nächsten Tag. Das kann ja heiter werden, dachte ich schmunzelnd…
Aber es ging dann doch etwas entspannter weiter, so dass sich auch ein Schreibtischtäter wie ich eingewöhnen konnte. Ich lernte allmählich die Menschen und die Abläufe kennen, und das machte es natürlich einfacher. Es war wie ein bunter Blumenstrauß, jeden Tag gab es andere Themen und oft auch zwischendrin schnell noch einen „Zwischen-Job“. Hol mal schnell Schrauben vom Baumarkt, die Motorsäge aus der Reparatur, Hühnerfutter es war alles andere als langweilig, richtig gut.
Dann sollte ich bei solch einem Abhol-Job auch gleich die Pritsche tanken. Ich bekam die Tankkarte in die Hand gedrückt mit dem Hinweis, Pin steht drauf und bring die Quittung mit. So weit so gut. Ich hatte noch nie bei Raiffeisen mit Tankkarte getankt, aber das konnte ja wohl nicht so schwer sein. War es auch nicht, nur hatte ich nach dem Tankvorgang keine Quittung. Leichte Schweißperlen, hatte ich etwas falsch gemacht, ohne Quittung wollte ich ja nicht zurückkommen. Ein freundlicher Autofahrer sah wohl mein fragendes Gesicht und sagte mir, einfach die Karte nochmals einschieben, Pin eingeben und schon kommt die Auswahl für Quittung, geht doch.
Es wurde Sand für den Spielplatz benötigt. Ich war wieder mit der Pritsche unterwegs und kam mit einer knappen Tonne Sand beladen wieder zurück. Vor der Brücke stehend dachte ich: Hält mich die Holzbrücke wirklich so beladen aus? Ein kurzer Anruf bei Uli beruhigte mich, unter dem Holz ist auch noch Beton.
Der Umwelttag stand im Juni an und das Gelände sollte natürlich aus dem Ei gepellt sein. Langes Gras mähen und dann nass mit der Forke auf die Pritsche laden, das fand meine Unterarmmuskulatur und die Sehnen doch arg anstrengend und ungewohnt. Leider zog ich nur etwas die Handbremse, machte aber die nächsten Tage nicht wirklich Pause. Das Ergebnis war ca. 7 Wochen richtig Pause, bis sich die Sache wieder halbwegs regeneriert hatte.
Aber kurz davor und dann in der Zeit fingen meine ersten Einsätze in den Unterrichtseinheiten an. Ich ging bei Tammo zum Thema „Teich“ beim Keschern mit einer seiner Gruppen in die Lehre und stand schon kurze Zeit später selbst vor einigen Kindern mit dem Kescher in der Hand. Ich merkte schnell, das machte mir Spaß mit den Kurzen. Später kam auch mal die Werre zum Thema Fließgewässer oder der Wald als Lebensraum hinzu. Es war einfach schön zu sehen, mit welcher Begeisterung die meisten Kinder dabei waren und voller Neugier und Freude Frösche und Molche oft zum ersten Mal in der Hand hielten. Oder wenn sie im Winter im Wald einen Molch aus dem Frühjahr tief im Laub eingegraben wiederfanden. Die ersten Kindergeburtstage zum Thema Wasserwelten und auch Geländeführungen folgten. Diesen Aktivitäten werde ich auch weiterhin treu bleiben.
Herbst und Winter waren entgegen meinen Gedanken vorher gar nicht langweiliger oder ruhiger. Unter anderem stand neben Obstbäume schneiden und Weiden köpfen zum Beispiel das Flechten von Zäunen mit den Ästen der Weiden auf dem Programm. Auch wieder etwas ganz Neues für mich, im Teamwork mit den beiden FÖJ`lern. Wir hatten Spaß und waren mit unseren Zaun-Ergebnissen am Teich auch gut zufrieden.
Auch der Bau von mehreren relativ großen Insektenhotels stand an. Unter anderem mit der Bohrmaschine und Holzbohrern für ein Insektenhotel mehrere Hundert Löcher in 15 bis 20 cm dicke Äste als Wohnstatt für diverse Wildbienen und Insekten zu bohren hatte schon etwas Meditatives … und meine Armmuskulatur hatte jetzt auch kein Problem mehr damit. Aber noch wesentlich meditativer war das ausfeilen jedes einzelnen Lochs durch die FÖJ`ler, damit sich die Bienen ihre Flügel nicht verletzen.
Auch die Anfertigung neuer Vogelhäuschen und Futterstationen für Eichhörnchen für den Weihnachtsmarktverkauf nahm einiges an Zeit ein.
Ein weiteres Highlight war das ausschlammen des Teichs mit dem Teichfenster. Es war eine echte Gemeinschaftsarbeit, bei der alle Hände gebraucht wurden. Nach dem ersten abpumpen des Wassers bis auf Schlamm-Niveau wurde eine Kette gebildet und Eimer für Eimer mit dem Schlammwasser durchgereicht und in bereitstehende Schubkarren gekippt. Diese wurden dann auf dem Gelände verteilt entleert. Ich hatte später als einer der „Schubkarrenfahrer“ richtig lange Arme, aber nach 1 1/2 Tagen war es geschafft. Es war ein gutes Gefühl, hier Teil des Teams gewesen zu sein.
Es gab natürlich noch so viel weitere Aktionen, Themen und Aufgaben, aber das würde komplett den Rahmen sprengen. Der Umwelttag 2025 war quasi mein letzter Einsatz.
Ich bin auf jeden Fall froh und dankbar, diese Zeit hier in der Heerser Mühle verbracht zu haben, ich habe sehr viel gelernt. Und ich schätze die Menschen die ermöglichen, dass es diesen Ort gibt und damit viele Kinder wieder mehr in Kontakt mit Flora und Fauna kommen können. Etwas, was in der heutigen Zeit immer wichtiger wird…
Hartmut Prüssner
